Manchmal braucht es einen ziemlich kleinen Auslöser, um eine Erinnerung hervorzuholen, die irgendwo ganz hinten im Kopf verschwunden war.
Bei mir war dieser Auslöser diesmal ein Buch.
Ich habe gerade Die Reise deines Lebens 5 – Schottland von Jule Pieper gelesen und eigentlich mit vielem gerechnet: wunderschönen Landschaften, besonderen Orten, Gedanken über das Leben, Loslassen und Neubeginn.
Womit ich nicht gerechnet hatte?
Ätherische Öle.
Als sie in der Geschichte plötzlich eine Rolle spielten, musste ich lächeln. Denn mit ätherischen Ölen verbindet mich eine Geschichte, die viele Jahre zurückliegt.
Und je länger ich darüber nachgedacht habe, desto mehr wurde mir bewusst, dass diese Geschichte eigentlich noch gar nicht zu Ende erzählt ist.
Eine Massage im Urlaub – und plötzlich war sie da
Damals steckte ich noch mitten in meiner Angststörung.
Panikattacken gehörten zu meinem Leben und ich hatte über die Jahre gelernt, mit ihnen umzugehen. Ich wusste irgendwann, was in meinem Körper passiert und vor allem wusste ich: Es geht wieder vorbei.
In einem Urlaub hatte ich eine Raindrop-Massage mit ätherischen Ölen gebucht.
Ich wollte mir etwas Gutes tun, entspannen und genießen.
Nun ja.
Mein Körper hatte offenbar andere Pläne.
Während der Behandlung lösten die Düfte beziehungsweise die ganze Situation bei mir eine Panikattacke aus.
Und dann passierte etwas, worüber ich heute fast ein bisschen schmunzeln muss:
Die Therapeutin war vermutlich aufgeregter als ich.
Sie war mit der Situation verständlicherweise erst einmal ziemlich überfordert. Und so lag ich da mit meiner Panikattacke und erklärte ihr, dass alles in Ordnung sei.
Dass ich das kenne.
Dass ich weiß, was ich tun muss.
Dass ich atmen kann.
Und dass die Panik wieder verschwinden wird.
Für mich war das damals einfach eine weitere dieser Situationen, die meine Angststörung eben mit sich brachte.
Unangenehm? Ja.
Aber nichts, was mir lange im Gedächtnis geblieben wäre.
Ich hätte damals jedenfalls niemals gedacht, dass genau diese Panikattacke im Leben eines anderen Menschen etwas verändern würde.
Jahre später trafen wir uns wieder
Einige Jahre später waren wir wieder am gleichen Ort im Urlaub.
Und ich habe tatsächlich wieder eine Massage bei derselben Therapeutin gebucht.
Diesmal ohne Panikattacke. 😉
Aber dafür erzählte sie mir etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte.
Sie erinnerte sich noch an unsere Begegnung.
Und sie erzählte mir, dass das Erlebnis mit mir damals etwas bei ihr ausgelöst hatte.
Meine Panikattacke und vermutlich auch die Tatsache, dass ich ihr trotz meiner eigenen Angst erklären konnte, was gerade mit mir geschieht und wie ich damit umgehe, hatten sie zum Nachdenken gebracht.
Sie hatte sich danach weitergebildet.
Sie hatte sich intensiver mit bestimmten Themen beschäftigt.
Und schließlich hatte sie ihren eigenen Weg verändert.
Dann bedankte sie sich bei mir.
Bei mir!
Ich glaube, in diesem Moment habe ich das überhaupt noch nicht in seiner ganzen Bedeutung verstanden.
Denn was hatte ich denn schon gemacht?
Ich hatte eine Panikattacke bekommen.
Nicht gerade das, was man normalerweise unter „einen Menschen inspirieren“ versteht.
Wir wissen oft gar nicht, was wir bei anderen auslösen
Heute sehe ich diese Geschichte anders.
Vielleicht auch deshalb, weil ich inzwischen selbst an einem ganz anderen Punkt meines Lebens stehe.
Wir glauben oft, wir müssten etwas Großartiges tun, um im Leben eines anderen Menschen Spuren zu hinterlassen.
Dabei kann es eine Begegnung sein.
Ein Satz.
Eine Reaktion.
Oder offenbar sogar eine Panikattacke während einer Massage.
Für mich war dieser Moment damals ein Teil meiner Krankheit.
Für sie war er ein Anstoß, sich weiterzuentwickeln.
Und ich hatte keine Ahnung davon.
Wie oft passiert uns das wohl im Leben?
Wie oft sagen oder tun wir etwas, gehen anschließend nach Hause und vergessen es wieder – während es bei einem anderen Menschen weiterarbeitet?
Diesen Gedanken finde ich heute unglaublich schön.
Und dann kam Jule Pieper …
Nach der Begegnung mit der Therapeutin habe ich angefangen, mich selbst mehr mit ätherischen Ölen zu beschäftigen.
Ich habe verschiedene Öle gekauft, darüber gelesen und sie auch im Familienkreis eingesetzt.
Irgendwann ist das Thema allerdings wieder etwas in den Hintergrund gerückt.
Die Öle wanderten in eine Kiste.
Und die Kiste blieb dort.
Bis ich Jahre später gemütlich mit einem Buch dasaß und ausgerechnet Jule Pieper wieder mit ätherischen Ölen um die Ecke kam.
Da war sie plötzlich wieder, diese Geschichte.
Ich musste an die Massage denken. An meine Panikattacke. An die Therapeutin. An unser Wiedersehen.
Und vor allem an das, was sie mir damals erzählt hatte.
Also habe ich meine Kiste hervorgeholt.
Und diesmal blieb es nicht dabei.
Ich habe wieder angefangen zu lesen, neue Öle bestellt und mich intensiver mit ihrer Anwendung beschäftigt.
Aus einer kleinen Erinnerung wurde plötzlich wieder echtes Interesse.
Vielleicht ist da noch ein Weg, den ich heute gar nicht kenne
In den letzten Wochen beschäftigt mich deshalb eine Frage immer häufiger:
Möchte ich mit diesem Thema vielleicht noch etwas machen?
Nicht nur für mich und meine Familie.
Vielleicht möchte ich irgendwann eine fundierte Fortbildung machen und mein Wissen vertiefen.
Und dann ist da noch ein Gedanke, der sich immer wieder einschleicht.
Die Arbeit im Hospiz.
Ich könnte mir vorstellen, Menschen in ihrer letzten Lebensphase etwas Gutes zu tun. Vielleicht könnten Düfte und ätherische Öle – natürlich im Rahmen einer entsprechenden Qualifikation und der jeweiligen Möglichkeiten vor Ort – dabei irgendwann eine kleine Rolle spielen.
Ob das tatsächlich mein Weg wird?
Ich weiß es nicht.
Und erstaunlicherweise fühlt sich dieses Nichtwissen gerade völlig in Ordnung an.
Ich muss nicht heute entscheiden, was ich in zwei oder fünf Jahren mache.
Aber ich darf neugierig sein.
Ich darf etwas ausprobieren.
Ich darf lernen.
Und ich darf mit fast 50 auch noch feststellen:
Hey, vielleicht gibt es da noch eine Seite an mir, die ich bisher gar nicht richtig entdeckt habe.
Wo etwas endet, beginnt etwas Neues
Genau deshalb hat mich ein Satz aus Die Reise deines Lebens 5 – Schottland besonders begleitet:
„Wo etwas endet, beginnt etwas Neues.“
Meine Angststörung hat viele Jahre meines Lebens geprägt. Sie hat mir einiges genommen und mich vor Herausforderungen gestellt, auf die ich gerne verzichtet hätte.
Aber wenn ich heute auf diese eine kleine Geschichte im Urlaub zurückblicke, sehe ich noch etwas anderes.
Ausgerechnet in einem Moment, in dem ich selbst mit meiner Angst zu kämpfen hatte, habe ich offenbar einem anderen Menschen einen kleinen Anstoß gegeben, etwas in seinem Leben zu verändern.
Damals wusste ich nichts davon.
Vielleicht ist es heute ein Buch, das mir einen solchen Anstoß gibt.
Was daraus entsteht, weiß ich noch nicht.
Vielleicht bleibt die Aromatherapie einfach etwas, das mir Freude macht und mich in meinem Alltag begleitet.
Vielleicht mache ich eine Fortbildung.
Vielleicht führt der Weg irgendwann tatsächlich in ein Hospiz.
Oder vielleicht wartet irgendwo noch eine ganz andere Abzweigung, die ich heute überhaupt nicht sehen kann.
Aber meine Kiste mit den ätherischen Ölen steht jedenfalls nicht mehr vergessen in der Ecke.
Und ich glaube, manchmal reicht genau das für einen Anfang.
