Es gibt Momente im Leben, die kann man kaum erklären, weil sie viel tiefer gehen als Worte.
Über so einen Moment habe ich im Dezember bei Instagram geschrieben.
Momente, in denen plötzlich alles in Erinnerung kommt und das Herz schmerzt….
Die ganzen schweren Jahre.
Die Hoffnung.
Die Angst.
Der Kampf.
Und am Ende dieses eine Gefühl:
Du hast es geschafft.
Für viele war es wahrscheinlich einfach nur ein Konzert von Unheilig.
Ein schöner Abend.
Musik.
Emotionen.
Vielleicht ein bisschen Gänsehaut.
Vielleicht die Freude, dass der Graf zurück ist.
Für mich war es der Abschluss einer 14 Jahre langen Reise zurück ins Leben.
Wer selbst nie unter einer Angststörung gelitten hat, kann vermutlich kaum verstehen, wie klein die eigene Welt irgendwann wird. Wie sehr Angst den Alltag bestimmt. Wie viele Dinge plötzlich unmöglich erscheinen. Autofahren. Menschenmengen. Reisen. Konzerte. Einfach nur frei sein.
2016 schrieb ich einmal in einem sehr persönlichen Blogbeitrag:
„Meine Angststörung macht mir immer noch zu schaffen und nimmt mir teilweise wirklich die Freude am Leben.“
Und genau so war es.
Damals bestand mein Leben oft nur noch aus Vermeiden und Funktionieren. Ich war auf Antidepressiva eingestellt, damit ich wenigstens wieder einigermaßen durch den Alltag kam. Aber innerlich fühlte ich mich oft leer, müde und gefangen.
Dabei war ich früher genau das Gegenteil.
Immer unterwegs.
Immer voller Leben.
Immer unter Menschen.
In diesem alten Beitrag schrieb ich auch:
„Eigentlich kann ich mit dem momentanen Zustand schon ganz gut leben, aber ich möchte, dass wieder alles geht.“
Dieser Satz berührt mich heute noch immer.
Weil er zeigt, wie sehr ich mir mein altes Leben zurückgewünscht habe.
Damals begann ich zusätzlich eine Hypnosetherapie.
Und rückblickend glaube ich, dass genau dort mein Weg zurück angefangen hat.
Ich weiß noch genau, wie ich damals kaum noch Auto fahren konnte. Schon die Fahrt zur Praxis war eine riesige Überwindung. Aber nach einer der Sitzungen passierte etwas, das ich bis heute nie vergessen werde.
Ich stieg ins Auto.
Drehte die Musik laut auf.
Und fuhr einfach los.
Damals hat mich auch der Graf begleitet.
Später schrieb ich darüber:
„Ich bin in mein Auto gestiegen und einfach drauf los gefahren. Habe die Musik aufgedreht und während der Fahrt laut gesungen und gelacht.“
Und plötzlich war da dieses Gefühl von Freiheit.
Weiter schrieb ich damals:
„Der Knoten war gelöst und ab da bin ich wieder Auto gefahren.“
Es waren kleine Schritte zurück ins Leben.
2019 kam dann dieser Facebook-Post, den ich heute noch immer mit Tränen in den Augen lesen kann:
„Hallo Leben – hier bin ich wieder.“
Und weiter:
„2,5 Stunden Fahrt in den Vogelsberg und zurück, alleine, mit dem Golf des Sohnes, begleitet von lauter Musik des Grafen… Für viele sicher ein gemütlicher Sonntagsausflug. Für mich eine sehr emotionale und tränenreiche Reise zurück ins Leben.“
Alleine diese Fahrt wäre Jahre zuvor unmöglich gewesen.
Damals schrieb ich:
„14 dunkle und schwere Jahre, in denen ich oft keine Kraft und keine Hoffnung auf Besserung mehr hatte, liegen hinter mir.“
Und genau so fühlte es sich an.
Wie ein langer Tunnel.
Wie ein Leben im Ausnahmezustand.
Aber ich hatte angefangen zu kämpfen.
Für mich.
Für meine Familie.
Für all die Dinge, die ich so vermisst hatte.
Und dann schrieb ich diesen Satz, der heute irgendwie perfekt zu diesem Konzert passt:
„Der Kampf hat sich gelohnt. Ich fühle mich einfach nur glücklich und befreit, so als hätte ich einen schweren Mantel abgelegt.“
Genau dieses Gefühl hatte ich später auch an diesem Abend beim Konzert.
Denn trotz aller Fortschritte blieb irgendwo tief in mir immer noch diese letzte Angst.
Diese Frage:
Bin ich wirklich wieder gesund?
Dann kam dieses Konzert.
Schon die Vorstellung überhaupt dorthin zu gehen, wäre früher unmöglich gewesen. Menschenmengen. Lautstärke. Gefühle. Keine schnelle Fluchtmöglichkeit.
Und dann stand ich plötzlich dort.
Beim Meet & Greet.
Direkt vor dem Grafen.
Mir ist das Herz fast in die Hose gerutscht.
Und als hätte er gespürt, dass da mehr ist als Aufregung
hat er mich einfach in den Arm genommen.
So wie ein guter Freund,
den man lange nicht mehr gesehen hat.
Unbeschreiblich.

Ich habe ihm tatsächlich von meiner Angststörung erzählt. Davon, wie groß dieser Schritt für mich ist. Wie viel Überwindung mich dieses Konzert kostet.
Und seine Reaktion werde ich wahrscheinlich nie vergessen.
So warmherzig.
So ehrlich.
So menschlich.
Er sagte zu mir, ich solle mich direkt an die Bühne stellen.
Er würde auf mich aufpassen.
Er würde nach mir schauen.
Und genau das hat er getan.
Schon beim ersten Lied hat er geschaut, wo ich stehe.
Immer wieder.
Und irgendwann später hat er mich direkt angesungen.
Als er mich ansang, …
… dass war der Moment, der uns zu Tränen rührte.
Meinem Mann und mir sind die Tränen über die Wangen gelaufen, weil dieser Moment einfach so emotional war. Ich war innerlich so aufgewühlt. Die ganze Anspannung des Tages viel von mir ab. Ich hatte den ganzen Tag nur diesen einen Gedanken im Kopf:
Wenn ich dieses Konzert schaffe… dann habe ich meine Angst wirklich besiegt.
Und genau so hat es sich angefühlt.
Nicht perfekt.
Nicht plötzlich ohne Narben.
Aber frei.
Als hätte ich nach all den Jahren endlich diesen schweren Mantel abgelegt, den ich so lange getragen habe. Ich war wie im Rausch.
Ich glaube bis heute, dass der Graf wahrscheinlich gar nicht wusste, wie viel seine Worte und seine Aufmerksamkeit an diesem Abend für mich bedeutet haben. Aber manchmal verändern Menschen etwas, ohne es selbst zu ahnen.
Dieses Konzert war für mich kein Konzert.
Es war mein persönliches:
„Hallo Leben — hier bin ich wieder.“
Und vielleicht schreibe ich diesen Text heute auch für alle, die gerade selbst kämpfen.
Mit Angst.
Mit Panik.
Mit dunklen Gedanken.
Mit dem Gefühl, niemals wieder normal leben zu können.
Bitte glaubt mir:
Es kann besser werden.
Langsam.
In kleinen Schritten.
Mit Rückschlägen.
Mit Tränen.
Mit Mut, obwohl man eigentlich keinen mehr hat.
Aber manchmal wartet irgendwo da draußen plötzlich wieder das Leben auf einen.
Vielleicht sogar in der ersten Reihe eines Konzerts. ❤️
„Hallo Leben – mein Weg aus der Angst“ heißt die Kategorie auf meinem Blog, in der ich über meine Angststörung und den steinigen Weg zurück in ein normales Leben schreibe. Schau gerne rein, ich würde mich freuen.
