Veröffentlicht in Herz und Seele, Tagebuch

Ist mein Leben mit der Angst lebenswert?

Ich war eigentlich immer ein sehr aktiver Mensch. Nach der Arbeit nur schnell nach Hause und dann gleich wieder on Tour mit Freunden. Mir haben auch lange Arbeitstage nichts ausgemacht und ich war beruflich wie auch privat viel unterwegs. Woher dann plötzlich die Angststörung kam, weiß niemand so genau. Aber sie hat mein Leben und mich verändert….

Nach meiner dritten Schwangerschaft und der schwierigen Geburt hat es langsam angefangen und wurde immer schlimmer. In meiner schlimmsten Zeit, habe ich morgens drei Anläufe gebraucht bis ich mit meinem Sohn im Kindergarten war. Und der war nur eine Straße weiter. Selbst diese Strecke habe ich dann noch nicht mal zu Fuß geschafft, sondern musste mit dem Auto fahren. Oftmals bin ich dreimal losgefahren und immer wieder umgedreht. Einkaufen oder andere Sachen waren undenkbar. Mein Mann und meine Kinder waren dann Einkaufen und ich habe das Haus gehütet.

Ständig müde und erschöpft

Oftmals war ich tagsüber total erschöpft, weil ich nachts eine Panikattacke nach der anderen hatte und einfach nicht schlafen konnte. Immer wieder habe ich versucht die Angst zu überwinden, aber erfolglos. Und natürlich wollte ich nie, dass außer meinem Mann jemand weiß, was mit mir los ist.

Immer zu Hause gefangen

So kam es dass ich immer schwer krank wurde, bevor ich zu Terminen musste. Auf Geburtstagen, bei Freunden war ich gar nicht mehr und selbst bei Familienfeiern war es sehr schwer für mich lange da zu bleiben. Meist bin ich unter irgendeinem Vorwand früher nach Hause. Als ich meine Oma noch gepflegt habe, war das nicht schwer. Ich musste sowieso viel bei ihr sein und konnte das nutzen.

Spinne ich?

Ich wusste einfach nicht was los war. Fühlte mich alleine mit dem Problem und dachte alle denken ich spinne. Außerdem hielten mich immer alle für stark und ich wollte mir diese Schwäche selbst nicht eingestehen. Wie kann es sein das die taffe, die 3 Kinder, Tageskinder, Haushalt, Vermietung und die Pflege der Oma wuppt, auf einmal nicht mehr kann.

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Ist es ein Herzinfarkt?

Der Höhepunkt war dann der Abend, der Weihnachtsfeier meines Mannes. Er war weg und ich mit den Kindern alleine. Auf einmal ging es mir immer schlechter. Die Kinder haben ein Glück schon geschlafen. Mein Herz schlug wie verrückt. Ich habe meinen Blutdruck gemessen und der war viel zu hoch. Das machte mich noch nervöser. Ich bin ich dann erstmal nervös hin und her gelaufen und wusste nicht was ich tun soll. Schließlich habe ich dann meinen Mann angerufen. Der war ein Glück schon auf dem Heimweg und bald da. Nach dem Telefonat konnte ich auf einmal nicht mehr richtig laufen und es wurde mir immer schlechter. Ich habe dann selbst den Notruf gewählt, aber gleich dazu gesagt das ich keinen Notarzt braucht und nur mal gerne hätte das jemand nach mir schaut. Die müssen da schon gedacht haben ich spinne. Aber ich wollte ja auf keinen Fall ins Krankenhaus. Kurz darauf viel mir auch das Atmen schwerer und ich rief nochmal den Notruf an und bat darum doch einen Arzt mitzuschicken. Mein Mann kam dann auch. Der Notarzt gab mir Betablocker und es ging mir langsam besser. Dann fing ich sofort wieder an zu diskutieren, weil ich auf keinen Fall ins Krankenhaus wollte. Da ich aber einen Verdacht auf Herzinfarkt hatte, fanden die das nicht witzig, haben mich etwas ruhig gestellt und mit ins Krankenhaus genommen. Mein armer Mann hat sich solche Sorgen um mich gemacht, dass er vor mir in der Notaufnahme war. Er ist dann die ganze Nacht bei mir geblieben, weil ich nicht alleine sein wollte. Es stellte sich dann raus, dass es „nur“ eine Panikattacke war und so habe ich mich am nächsten Tag selbst entlassen.

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Ich konnte nicht mehr…

Dann kam der Tag, an dem ich mit meinen Kindern üben wollte zu Ikea zu fahren. Ich fuhr los und konnte einfach nicht weiter fahren. Ich war völlig fertig, fing an zu weinen und hatte einen Nervenzusammenbruch. Ich habe es dann noch geschafft, bis zu meinem Hausarzt zu fahren. Die Praxis habe ich das erste Mal betreten, sonst habe ich mich selbst behandelt oder ihn um Rat gefragt, wenn er zum Hausbesuch bei meiner Oma war. Er hat mich gesehen und wusste gleich was los war. Wir saßen dann beide weinend im Behandlungszimmer. Er hatte schon länger geahnt, das mit mir etwas nicht stimmt, wusste aber, dass es keinen Sinn macht mich anzusprechen. Er musste warten bis ich von mir aus komme.

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Der Neuanfang

Danach habe ich dann eine Therapie begonnen. Ich nehme seitdem Antidepressiva und habe eine Verhaltenstherapie angefangen. Mit den Medikamenten ging es mir schon besser. Meine Therapeutin wollte raus finden, wie es zu der Angststörung kam, aber das ist schier unmöglich, da es bei mir viele Ursachen geben kann. Es kann der Missbrauch in der Kindheit sein, die Depressionen meines Opas, die Überlastung durch die Pflege meiner Oma. Diese habe ich 10 Jahre zu Hause gepflegt, am Anfang hatte ich zusätzlich noch Tageskinder zu meinen eigenen Kindern. Später dann als meine Oma 24 Stunden am Tag gepflegt werden musste, mit Windeln wechseln und mit der ganzen Verantwortung für ein anderes Leben, konnte ich keine Tageskinder mehr nehmen.

Zu viel Verantwortung

Ich denke die Problem war nicht die viele Arbeit, sondern eher der emotionale Stress den ich mir selbst gemacht habe. Ich hatte die Verantwortung für meine Familie, aber auch für meine Oma und dann für ihre Freundin. Die beiden haben mir alle Vollmachten gegeben und auch die ärztlichen Entscheidungen musste ich treffen. Es hat mich sehr belastet, weil ich immer Angst hatte etwas falsch zu machen, alle hatten hohe Erwartungen an mich und haben mir vertraut.

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Die Hypnose hat mir geholfen

Die Psychotherapie habe ich dann beendet, weil es mir nicht geholfen hat. Ich bin dann zu einer Heilpraktikerin für Psychotherapie und habe eine Hypnosetherapie begonnen. Das gab mir einen riesen Sprung in die richtige Richtung. Als wäre ein Knoten geplatzt, konnte ich wieder weg gehen. Außerdem war ich endlich ehrlich zu meiner Familie und den engsten Freunden und habe ihnen gesagt was mit mir nicht stimmt. Die Freunde haben ihre Hilfe angeboten und wollten mit mir üben. Und wenn ich es dann endlich mal auf einen Geburtstag geschafft habe, haben sie mich überschwenglich begrüsst und sich wirklich gefreut. Mich aber auch in Ruhe gelassen, wenn sie gemerkt haben, dass ich mich einfach nicht wohl fühle. Wie oft sind Tränen vor Freude geflossen.

Üben, üben, üben

Ich habe sehr viel geübt. Es kostet mich auch heute oft sehr viel Kraft Neues auszuprobieren, aber ich möchte wieder aktiver sein. Ich möchte gerne wieder am Leben teilnehmen. Oftmals habe ich Schuldgefühle, weil ich auf vielen Veranstaltungen meiner Kinder nicht dabei sein konnte. Elternabend und Schulfeste das alles ging nicht. Und meine Kinder sind sehr früh selbstständig geworden, durch meine Erkrankung.

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Ich will leben und erleben

Aber nun schaue ich nach vorne und versuche möglichst viel mit meinen Kindern zu erleben. Wann immer es möglich ist, fahren wir an den See oder in den Urlaub. Ich möchte jetzt viel nachholen, was wir verpasst haben, vieles erleben und weiter üben. Ich bin schon sehr froh, dass ich wieder alleine Auto fahren kann, das war zwischenzeitlich auch nicht möglich.

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Der Skiunfall brachte auch Positives

Auto fahren geht erst wieder, seitdem wir dieses Jahr im Skiurlaub waren. Dort sind mein Mann und meine 3 Kinder Ski gefahren und ich habe mir es tagsüber mit Jimmy gemütlich gemacht. An einem Tag, saß ich am Esstisch, als ich plötzlich unser Auto hörte. Es war jedoch noch viel zu früh. Mein Mann stand mit unserem ältesten Sohn vor der Tür, die beiden jüngeren waren noch in der Skischule. Dann habe ich schon gesehen, dass mein Mann kaum mehr laufen konnte. Er hatte einen Skiunfall und musste zum Unfallarzt. Diagnose: Muskelfaserriss. Wir sind dann einen Tag früher abgefahren. Mein Mann lag auf der Couch, während ich mit den Kindern Koffer gepackt und das Auto geladen habe. Da mein Mann nicht mehr fahren konnte, habe ich mich ans Steuer gesetzt. Das erste Mal nach Ewigkeiten und dann gleich von Österreich nach Hause. Man muss mich manchmal zu meinem Glück zwingen, denn seitdem fahre ich wieder Auto und sogar gerne.

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Mein Hund Jimmy – mein Seelentröster

Sehr viel Halt und Sicherheit habe ich auch, seitdem wir unsere Fellnase haben. Unser Hund ist immer bei mir, so bin ich nie alleine. Er ist mein bester Freund und merkt auch, wenn es mir mal nicht gut geht. Mit ihm fühle ich mich sicher und geborgen. Es tut mir gut, dass ich durch ihn jeden Tag raus muss und vor allem laufen muss. Ihn zu uns zu nehmen, war die beste Entscheidung überhaupt. Mein Mann wollte zwar erst nicht, aber Jimmy hat schnell sein Herz erobert.

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Es geht Berg auf und 2017 wird ein gutes Jahr

Heute weiß ich auch, dass man einfach nicht aufgeben soll und immer weiter üben muss. Ich bin oft an meine Grenzen geraten und tue es noch immer. Aber wenn ich mich hängen lasse, werde ich nie gesund werden. Ich möchte wieder alles machen können und ich hoffe, dass ich auch irgendwann wieder ohne Medikamente auskomme. Für 2017 habe ich mir vorgenommen, die Dosierung zu reduzieren und mit der Familie mit dem Wohnwagen zu verreisen. Außerdem möchte ich gerne positiv in die Zukunft schauen.

Ist mein Leben lebenswert?

Oftmals habe ich mir diese Frage gestellt. Wie oft habe ich an allem gezweifelt und wollte aufgeben, weil ich mein Leben einfach nicht mehr lebenswert fand. Ich hatte keine Kraft mehr zu kämpfen und ich wollte einfach nur noch meine Ruhe.

Jetzt kann ich sagen: Ja, es ist lebenswert und ich genieße jede Kleinigkeit. Ich freue mich mir Familie und Freunden zusammen zu sein. Ich bin glücklich, das ich wieder shoppen gehen kann und ich freue mich besonders, wenn ich spüre, dass andere gerne mit mir zusammen sind.

Familie und Freunde sind mir sehr wichtig

Ich feiere am Samstag meinen 40. Geburtstag. Es hat fast keiner abgesagt. Meine Familie und Freunde helfen mir Einkaufen, Dekorieren, Backen und Kochen, sie kümmern sich um die Musik und sind einfach für mich da. Ich kann gar nicht beschreiben, wie gerührt ich schon vor meiner Feier bin, dass sich so viele liebe Menschen Gedanken machen. Ich freue mich nun schon riesig einfach entspannt zu feiern und Zeit mit meinen Liebsten zu verbringen.

Kopf hoch … es geht immer weiter

Mir wurden wirklich schon haufenweise Steine in den Weg gelegt und ich war schon oft am Aufgeben, aber es lohnt sich zu kämpfen und auch mit der Angststörung kann man ein lebenswertes Leben haben, wenn man an sich arbeitet.

Ich hoffe mein ehrlicher Beitrag macht auch Euch Mut. Ich durfte schon einige liebe Blogger kennenlernen, darunter auch die liebe Limalisoy, die mich eingeladen hat einen Gastbeitrag auf ihrem Blog zu veröffentlichen. Mit ihr war ich sofort auf einer Wellenlänge und bin sehr glücklich sie gefunden zu haben. Ich lese ihren Blog sehr gerne und finde mich in vielen Texten wieder. Lustig finde ich, dass sie auch kreativ ist und gerne bastelt und das sie  gerne neue Produkte testet und ausprobiert, so wie ich. Vielen Dank, dass du mich zu dir eingeladen hast.

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Autor:

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36 Kommentare zu „Ist mein Leben mit der Angst lebenswert?

  1. Hi,

    Ich finde es toll wie du damit umgehst und das du zu dir stehst.

    Ich hab auch eine Angststörung…, Kam auch einfach so aus dem nichts.
    Kann dich wirklich verstehen, aber man kann nur weitermachen und sich stets vor Augen halten das es nur besser werden kann.

    Ich wünsche dir noch alles gute!

    Liebe Grüße

    Franzi

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